Gartengestaltung: Die etwas andere Tankstelle

Flugdach wird Gartenbaldachin, ein Wassergraben zum Super-Spa und drei Freunde zum Baumgerüst: Wie eine Tankstelle aus den Fünfzigerjahren in Berlin Schöneberg zu einem Garten wurde, dem chinesische Kaiser, ein Film von Fellini und ein Minieisenbahnbauer zur Einzigartigkeit verhalfen.
Sieben Minuten braucht Guido Hager, um den Entwurf zu machen. So schnell ist klar, was die stillgelegte Tankstelle in einen Garten verwandelt: „Es braucht Mauern, es braucht große Bäume, und weil es Berlin ist, müssen das Kiefern sein“, sagt der Schweizer Landschaftsarchitekt. Doch da ist die Geschichte um den im Sommer 2008 international berühmt gewordenen Berliner „Tankstellengarten“ schon im zweiten Kapitel angelangt.
Im ersten Kapitel kauft der Schweizer Galerist und frühere Immobilienentwickler Juerg Judin im dicht bebauten Berliner Stadtteil Schöneberg eine Shell-Tankstelle aus den frühen Fünfzigerjahren. Schon länger wünscht er sich einen Garten, „so richtig, für Hund und Perlhühner“, aber nicht draußen auf dem Land, sondern da, wo er lebt, im Zentrum der Großstadt. Schon länger radelt er an der Tankstelle vorbei. Sie steht seit Mitte der Achtzigerjahre leer. Scheiben sind zersprungen, Unkraut hat den Asphalt gesprengt. Aber das Wesentliche ist vorhanden: Werkstatt, Shop, Zapfanlage, als sei die Zeit stehen geblieben.
Zoombild
Inspiriert von Faller und Federico Fellini
Für die Stadt ist das Gelände eine Lücke in der kompakten Bebauung, die am besten geschlossen wird. Für Judin ist es „seine“ Möglichkeit. Er lässt die Fünfzigerjahre-Architektur durch zwei Gebäude ergänzen: Eine knallrote Blechkiste an der Hinterfassade wird das Gästebad. Ein lang gestreckter, containerartiger Behälter an der Seite enthält Wohnräume und eine 120 Quadratmeter große Galerie. Die Tankstelle restauriert Judin bis ins Detail. Er sucht alte Fliesen, gebogene Fensterscheiben, findet das richtige Rot für Dachstützen und Schmuckstreifen. Das Vorbild liefert ihm ein altes Faller-Häuschen, eines von denen, die man in die Landschaften für Spielzeugeisenbahnen stellt. Was das Faller-Häuschen für das Gebäude ist, wird ein Film von Federico Fellini für den Garten. „Julia und die Geister“ von 1965 ist ein Lieblingsfilm des Landschaftsarchitekten. In einer Szene geht die Heldin Julia allein durch einen lichten Pinienwald, irgendwo nahe der See. Die Baumkronen bilden ein hohes Dach, Sonnenstrahlen blitzen durch die Nadeln. Die Luft umschmeichelt Julia wie ein wärmendes Tuch. Es herrscht entspannte Trägheit, „pure Freude, du willst nur noch irgendwo Eiscreme holen – so ist Sommer“, sagt Guido Hager. Das muss der Garten bringen.
Chinesische Kaiser liefern Pflanzschema
Judin denkt auch an den Winter. Er weiß, dass er in Berlin einen Garten braucht, der in langen dunklen Monaten schön ist. Er findet seine Gartengeschichte 2006 beim Besuch der Ausstellung „China. The Three Emperors“ in der Londoner Royal Academy. Thema der Show waren die drei großen Kaiser der Qing-Dynastie, 1662–1795, alle große Gartenkenner. Irgendwo, beim Studium des Katalogs oder auf einem Schildchen an den Museumswänden, stößt Judin auf das Gleichnis von „den drei Freunden im Winter“. Die poetische Formel beschreibt eine uralte chinesische Pflanzenkombination. Die drei Freunde sind die Kiefer, deren Krone schützend den Schnee trägt, der Bambus, der immergrün das ewige Leben verkörpert, und die Kirsche, die als erster Baum schon im März blüht.
Zwei der drei Freunde, Kiefer und Kirsche, bilden „das Baumgerüst“ des Tankstellengartens. Der Bambus, drei bis vier Meter hoch und wintergrün, verkleidet von innen die weiß verputzte Mauer. Den Boden lässt Hager mit Kies bedecken. Pflanzinseln in der steinigen Fläche werden mit Steppenkerzen, Glockenblumen, Fingerhut, Lilien, Präriekerzen, Akelei und Phlomis besetzt. Sie sollen sich aussamen, den Garten erobern. An der Straßenseite platziert er ein 18 Meter langes minimalistisches Wasserbecken mit einer 2,5 Meter breiten Stahlscheibe als Brücke. Die Zapfsäulen werden entsorgt und das Flugdach, das sie früher schützte, zum Baldachin umgenutzt.
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Kiefer kommt mit Schwertransport
Die Investitionen sind enorm: Nicht nur der kontaminierte Boden muss ausgetauscht werden, Judin hat sich auch in den Kopf gesetzt, dass die Bäume für seinen Tankstellen-Garten genauso alt wie das Gebäude sein sollen – 50 Jahre. Neun Exemplare, teilweise mehrstämmig, das größte 14 Meter hoch, finden der Galerist und der Landschaftsarchitekt in Bad Zwischenahn, bei der Baumschule Bruns. In einer aufwendigen Transportaktion gelangen die Bäume mit Schwerlasttransportern nach Berlin. Und auch das minimalistische Wasserbecken an der Straßenseite –Hager nennt es „das Centerpiece“ – ist ein gewaltiger finanzieller Brocken. Judin will es anfangs nicht haben, hat Angst vor dem „Kitsch“. „Du brauchst die Weichheit des Wassers“, beharrt der Landschaftsarchitekt. Heute ist das Becken ein „Super-Spa“ für Buchfinken, Zaunkönige, sogar Reiher und – nicht ganz so romantisch, aber interessant zu beobachten – Krähen, „die hier ihre Brotkrumen einweichen“.
Was man als floristische Dekoration eines Vintage-Gebäudes verdächtigen könnte, wird leidenschaftlich genutzt. „Samstags Arbeit im Garten“ war für den Galeristen schon an seinem früheren Wohnort Zürich Freizeitinhalt. In Berlin ist er dabei nicht ganz sein eigener Herr. Er will es sich nicht mit seinem Landschaftsarchitekten verderben. Also klingelt dessen Handy, wenn es wieder eine viel versprechende Staude gibt: „Was meinst du? Weißen Mannsschild, darf ich den locker verteilt pflanzen?“
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Wir veröffentlichen diese Geschichte mit freundlicher Genehmigung des Callwey-Buchverlags. In „Moderne Gärten“, geschrieben von Elke von Radziewsky, werden – neben der Tankstelle – die derzeit besten von Landschaftsarchitekten gestalteten Privatgärten im deutschsprachigen Raum vorgestellt.
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